Der Marathon Man
Von der Beschäftigung mit
Lautsprecherkabeln und NF-Verbindern am Beispiel
einer Kombination von TMR
Von H.
Benver (im Oktober 2002)
Die gewählte
Überschrift, so mag der geneigte Leser diesmal
argwöhnen, klingt ebenfalls ein bißchen
spinnert. Schon wieder falsch. Es ist auch nicht der
unermüdliche Schöpfer der TMR-Produkte
gemeint - auch wenn das nahe läge -, sondern der
Verfasser, weil es für die vollständige
Auslotung der Fähigkeiten der genannten
Kombination die Ausdauer eines solchen braucht. Und
außerdem wurde den Kabeln über die Monate
ähnlich aufdringlich auf den Zahn gefühlt
wie im gleichnamigen Film von John Schlesinger Dustin
Hofmann in der berüchtigten "Bohrerszene" von
Lawrence Ollivier als sadistischem Nazi-Zahnarzt.
Jetzt hat es sich im übrigen auch mit "der
Verfasser denkt, hört und ist der Auffassung"
etc, denn diese sprachlich erzwungene Form der
Objektivität ist ohnehin Unfug, weil es nun mal
um Emotionen geht und die dulden bei ihrer
Beschreibung keine Distanz, auch keine sprachliche.
Es ist ja nie zu spät, etwas einzusehen...
Zum Thema Setup, Stromversorgung und Zubehör
bemühe der geneigte Leser bitte die Artikel zur
TMR-Netzleiste an gleicher Stelle. Entscheidend
geändert hat sich allerdings ein Detail,
nämlich der Verstärker.
Es handelt sich zwar nach wie vor um den CMA 1 aus
gleichem Hause, aber 1. ein neues Modell und 2. eine
vollständig neue Innenverkabelung. Es finden im
neuen Modell zwar auch andere Transistor-Typen
für die Endverstärkung Verwendung, dies war
aber mehr der Verfügbarkeit am Markt geschuldet
als der Verbesserung von Layout oder Topologie.
Anders bei der signalführenden Innenverkabelung.
Hier kommt - auf Wunsch und gegen Aufpreis - nun das
gleiche Kleinsignalkabel zum Einsatz, wie es unter
dem Namen "Ramses" auch als NF-Verbinder von
TMR erhältlich ist.
Selbstverständlich sind hier prinzipbedingte
Synergien zu erwarten und auch beabsichtigt.
Unabhängig von der ergänzenden Verkabelung
aus eigenem Hause hat der Vollverstärker, den zu
preisen ich auch schon seit Jahren nicht müde
werde, aber eine Entwicklungsreife erreicht, die ihn
in meinen Augen in seinem Revier einzigartig macht,
quasi zum alphamale unter den
Verstärkerrüden.
Zu seiner enormen Wendigkeit und Antrittsschnelle,
seiner kommunikativen Kompetenz in den Mittellagen,
der bruchlosen Schlüssigkeit seines Vortrages
kommt jetzt noch ein Maß an Auflösung und
Durchhörbarkeit über das gesamte
Frequenzspektrum, verbunden mit dynamischer
Durchzugskraft, dass Anmutungen an die
Championsleague unvermeidlich sind.
So könnte es klingen, dachte ich manchmal, wenn
Jeff Roland, Nelson Pass und Keith Johnson die
Kernkompetenzen ihrer jeweiligen Konzepte in einer
gemeinsamen ultimate amplification component (uac:
klingt doch gut, oder?) zusammenfassen würden.
In der Tat höre ich bei nicht zu ausufernden
Besetzungen und Lautstärken die stoische Ruhe
der Roland-Verstärker, die schillernde
Farbenpracht und Musikalität der Pass-Modelle
und auch die Zeitrichtigkeit, Neutralität und
"physische Abwesenheit" der Spectrals. Immer eine
völlig ausgewogene Kette mit herausragender
Quelle sowie effiziente Lautsprecher vorausgesetzt.
Natürlich bleibt der CMA 1 ein
Vollverstärker, aber einer, der die
Notwendigkeit eines "mehr wovon auch immer" schon
sehr fraglich erscheinen läßt. Wirklich
famos, die Flunder, aber gar nicht mein
augenblickliches Thema.
Thema sind vielmehr besagte Kabel, die sich
mittlerweile seit Monaten in meiner Kette befinden
und nunmehr eine gewisse Verfestigung ihrer
Performance feststellen lassen. Dieser Langmut ist
bei TMR-Produkten auch unerläßlich, denn
die Formatisierungseffekte sowohl der Strom- als auch
Signalverbinder ziehen sich mitunter extrem.
Will man hier vorschnelle Beurteilungen vermeiden,
die auch das ganze Spektrum der Möglichkeiten
definitiv nicht erfassen werden, ist Geduld zwingende
Voraussetzung des Gipfelsturms.
Zur Methodik sei vorausgeschickt, dass alle
Hörsitzungen mit Uhrzeit, exakter
Lautstärke, Verlauf, Titeln und definierten
Beurteilungskriterien dokumentiert wurden, um die
Nachvollziehbarkeit und Entwicklung innerhalb des
dokumentierten Zeitraumes zu gewährleisten.
Die Kabel mußten während dieser Zeit auch
gegen machtvolle Konkurrenz antreten, so z.B. das
Signature 5.1 von XLO, das große Audioquest,
Transparent Audio, Cardas oder Kimber Select (jeweils
die Spitzenmodelle, alles LS).
Das NF-Kabel bekam es im wesentlichen mit dem
Pendant zum Signature LS-Kabel von XLO, einem mit
Reinsilbersteckern von Wire-World modifizierten
Kimber Select (ebenfalls Reinsilber-Ausführung)
sowie dem Signature (zufällige Namensgleichheit)
von Symphonic Line zu tun.
Ich werde im Folgenden aber nicht all zu sehr auf die
direkten Vergleichbarkeiten und Unterschiede abheben,
weil ich im Lauf der Zeit feststellte, dass diese
Gegenchecks nurmehr zur Positionsbestimmung in
ansonsten unbekanntem Gelände dienten, gleichsam
zur akustischen Sixtantenarbeit verkamen.
Ich wollte sicher sein, nicht in ein
gehörmäßiges Paralleluniversum
verrutscht zu sein und habe daher immer wieder alte
Werte bemüht, ohne allerdings nach einiger Zeit
noch bereit zu sein, zu ihnen zurückzukehren.
Das Lautsprecherkabel war anfangs unauffällig,
etwas überschlank und im direkten Vergleich
(ausnahmsweise...) mit dem erklärten Weltmeister
der Mittellagen, dem Signature von XLO, auch recht
zurückhaltend bei Stimmen und
melodieführenden Instrumenten.
Das XLO ist in dieser Disziplin allerdings auch
schlicht völlig einzigartig und es brauchte
schon die Bereitschaft, mal wieder "neu" zu
hören und von eingeübten Mechanismen der
akustischen Wahrnehmung zwecks Erfassung des Ganzen
abzurücken.
Das gelang zunehmend mit dem Ausbau der Frequenzenden
des Ramses und seiner stetig steigenden
Fähigkeit, tiefe Töne sauber zu
übertragen. Dabei wurde es mit der Zeit in
diesem Bereich immer mächtiger, blieb aber
schlackenfrei.
Zum Beispiel "Lambchop". Sehr innovative Texaner, die
ein ganzes Orchester plus Band brauchen um auf ihrer
aktuellen Platte "is a woman" dem rudimentärsten
Minimalismus seit Marc Hollis zu frönen.
Ein bißchen 'Tom Waits meets Testbild'
(für die Jüngeren: Testbilder gab es mal in
grauer Vorzeit bei den öffentlich-rechtlichen,
wenn nachts nicht gesendet wurde).
Wenn diese Gruppe also ihre instrumentalen
Brücken durch die Stille schlägt und Kurt
Wagner dazu schräg-trauriges singt - oder
haucht? - dann kommt es auf jedes Ein- und
Ausschwingen, auf jedes Auftreffen des Filzhammers
auf der Klavierseite und auf jedes Melodiefragment
an, um die enorme Schönheit der Kompositionen
vollständig zum Hörer zu transportieren.
Hier machte das Ramses erstmals richtig
Eindruck: viel Luft um alle Beteiligten - es handelt
sich um eine Direkteinspielung ohne Overdubs oder
Trackings - Ordnung und Staffelung untadelig und die
gelegentlichen wirklich tiefen Töne wirkten
nicht wie störende Blähungen, sondern wie
eine stimmige Grenzziehung, der Hinweis, dass es in
diesem filigranen Gebäude doch noch Wände
gibt.
Die Norweger von "Midnight Oil", die wohl so was wie
geistige Verwandte der Texaner sind, aber aus einem
ähnlichen Minimalismus mitunter pompöse
Suiten entwickeln und immer wie kurz nach dem
unfallbedingten Verlust sämtlicher
Angehörigen klingen, gaben eine ähnliche
Schönheit ihrer Melodien preis, weil sie so
durchhörbar klangen und doch so geschlossen.
Auch Nick Lowe der auf seiner neuen Platte dem
"Homewrecker" ein Denkmal setzt, lässt bei
diesem Stück durch seine fabelhafte Stimme eine
rotzige aber auch etwas resignierte, in jedem Fall
aber wissende Abgeklärtheit spüren, die
eben nur ein alter Crooner hat, der schon alles sah.
Das kann man alles hören? Ah, ja. Bei diesem
einen Stück? Soso..
In der Tat, das kann man und das kann man auch bei
Billy Bob Thornton, dem zukünftigen Ex von
Angelina Jolie, der er bestimmt kein Stück auf
seiner Scheibe "privat radio" gewidmet hätte,
wenn er gewußt hätte, dass ihn das
Miststück kurz darauf aus der kalifornischen
Prachtvilla schmeißt, aber ich schweife ab.
In der Vergangenheit war Billy nach eigener Aussage
(Schlachthof Hamburg im Juli) ja vor allem
suizidgefährdet, aber dank Lara Croft hatte er
sich mächtig berappelt und ein wunderbares
Blue Grass-Country-Pop-Album abgeliefert, das so
richtig groovt.
Und jetzt läßt ihn diese Zicke doch
tatsächlich... aber nein. Der Titeltrack und das
letzte Stück, zur Gitarre gesprochen(!), geben
Einblick in ein ziemlich instabiles Seelenleben und
die Beschreibung dieser Frau im letzten Stück -
"she was build like a brick-shithouse", was in
Arkansas wohl das ultimative Kompliment ans weibliche
Geschlecht darstellt - verbunden mit der dort
beschriebenen, sexuellen Konkurrenz zu seinem Vater
lassen einen irgendwie Böses ahnen.
Das Entstehen eines grundlegenden Konflikts in der
Gluthitze eines Nachmittags im Mittelwesten. Das
läßt einen auch so schnell nicht wieder
los und das trifft so intensiv, weil da alles
präsent ist und nichts ablenkt. Und das hat eben
wieder auch mit diesem Kabel zu tun, das die
erforderliche Strukturierung und Energieverteilung
zwischen Stimme und Gitarre liefert.
Das Ramses entwickelt sich in der Folgezeit
weiter, baut zusätzliche Mosaiksteine ein, wird
runder und dehnt sich weiter nach oben und unten (nur
akustisch, keine Sorge).
Der nächste größere Schritt geschieht
plötzlich und wird bei Peter Himmelmans Platte
"flown this acid world" so richtig deutlich. Er baut
im 12. Titel, der aber "untitled" heißt, eine
unheimliche Spannung auf, indem er eine
nächtliche Taxifahrt durch das verregnete New
York beschreibt, bei der er - als Jude unerkannt - an
einen beinharten Nazi gerät, der ihn in ein
Gespräch über faschistische
Allmachtsphantasien und die notwendige Ausrottung
Andersdenkender verwickelt.
Die Melodie wird immer lauter, aggressiver und
perkussiver. Himmelman denkt über seine Familie
nach, eine Begegnung mit einem Überlebenden aus
einem Konzentrationslager und die Frage, warum solch
unbändiger Hass nie ausstirbt.
Wie die Musik das kongenial umsetzt ist einfach
beeindruckend. Und besonders beeindruckt mich immer
wieder, wie das Stück das erste Mal Fahrt
aufnimmt, was dadurch geschieht, dass ab der zweiten
Strophe eine knallhart geschlagene Snare die Melodie
kontrapunktiert.
Dieser furztrockene, schnelle Oberbaß hat mir
jedenfalls das Thema noch mal richtig ins Hirn
gedroschen, obwohl ich das Stück in- und
auswendig kenne.
Jetzt konnte ich das Ramses auch nicht mehr
überschlank finden, sondern bestenfalls
fettfrei. Was ja einen beträchtlichen
Unterschied macht, wenn man mal Aly McBeal mit
Jennifer Lopez vergleicht oder von mir aus auch Ernst
Hannawald mit Evander Holyfield.
Verschiedene orchestrale Werke von Miles Davis in
Arrangements von Gil Evans bis klassisches von Decca
(rauf und runter) bestätigten den gewonnen
Eindruck: unspektakulär im besten Sinne,
unaufgedickt und unangestrengt, unverfälscht und
ungeheuer richtig im Geiste der jeweiligen Musik.
Exemplarisch hier: Gregorio Allegri´s
Miserere, gesungen vom King´s College Choir aus
Cambridge unter David Willcocks.
Ein in strenger Traditionspflege geführter, seit
über 550 Jahren existierender Chor singt eines
der berühmtesten Stücke in der Geschichte
der sakralen Musik. Von Allegri ursprünglich
gänzlich ohne die beliebten hohen
"Showtöne" C und E komponiert, erlangte sein
'Misere mei' dennoch über die Jahrhunderte
hinweg bei Hörern und Interpreten eine
ungeheuere Anziehungskraft.
Die vorliegende Einspielung des King´s Choir
ist knapp 40 Jahre alt und ebenso mystisch wie
kraftvoll. Für mein Thema ist diese Aufnahme
auch deshalb besonders wertvoll, weil sie eine alte
Fußballregel unterstreicht, nämlich: das
Spiel wird in der Mitte gewonnen.
Das hat ja King Kahns Kampfkollektiv in Asien auch
schön demonstriert und die Brasilianer hatten
ohnehin nur ein paar bessere Einzelspieler, aber
egal.
Jedenfalls entwickelt sich die Magie von
Allegri´s Meisterwerk auf der Basis der
Grundtöne der menschlichen Stimme, und wenn hier
die feinsten Verästelungen der einzelnen Stimmen
nachvollziehbar bleiben und dabei doch ein homogener
Gesamtklang entsteht, der auch die sagenhafte Akustik
des gewaltigen Gewölbes der King´s Chapel
transportiert, wird aus diesem Knabenchor
tatsächlich der Botschafter einer alten
Spiritualität, welcher man sich unmöglich
entziehen kann.
Alles, was diesen Grundtonbereich auch nur
ansatzweise verfälscht, verhärtet oder
aufdickt, ist Gift für das Gesamterlebnis.
Andererseits wäre eine auch nur leichte
Ausdünnung der unteren Mitten ebenso fatal, weil
dann der in diesen Lagen naturgemäß noch
nicht sehr ausgeprägte - aber eben doch
vorhandene - Ton des Knabenchors ins Ausgezehrte,
sozusagen Rachitische abglitte, was dem zu
übermittelnden Gehalt des Stückes
äußerst abträglich wäre.
Das Ramses hält diese exquisite Balance
und erweist sich erneut als unbestechlich, so kann
sich die Wirkung dieser Klangdroge erst voll
entfalten.
Das in der Probstei St. Gerold aufgenommene Officium
hat eine vergleichbare Faszination. Alte,
mündlich durch die Mönche von Kloster zu
Kloster und über die Jahrhunderte weitergegebene
Gesänge gregorianischen Ursprungs, interpretiert
vom Hillard Ensemble und begleitet vom hier teilweise
markerschütternden Saxophonklang Jan
Garbarek´s.
Dieser Ton ist übrigens nicht etwa aufdringlich
oder schneidend, sondern durch die
Gewölbereflektionen verstärkt, mächtig
und eindringlich und von klarer Schönheit. Auch
hier werden die Dimensionen und feindynamischen
Abstufungen gewahrt, der Klangkörper von
Garbarek´s Instrument bekommt nicht
plötzlich die Größe eines
Sperrmüllcontainers, ein Fehler in der
Abbildungsgröße, der vielen Komponenten,
aber auch Kabeln unterläuft.
Im übrigen macht natürlich ein so
hervorragendes Kabel wie das Signature von XLO
derartige Fehler auch nicht und ist auch ansonsten in
manchen Einzeldisziplinen gleichauf bis vorne, was
auch für manch anderen der aufgezählten
Mitbewerber gilt, aber die schlüssige
Integration der vielen Parameter in einen
fließenden, energetischen, von
Lästigkeiten freien Gesamtklang ohne
störende Betonungen oder vordergründige
Gewichtungen gelingt dem Ramses
tatsächlich am Besten.
Es wird in seiner völligen Effektlosigkeit keine
Freude bei "Tunern" und Kompensationsexperten
auslösen, die versuchen, das, was hinten links
fehlt auszugleichen, indem sie vorne rechts
überbetonen.
Dem "advanced listener" der über eine
ausgewogene, reife Kette verfügt, wird es aber
ein für alle Mal ersparen, Berichte wie diesen
lesen zu müssen. Und das war nur das
Lautsprecherkabel.
Das NF-Kabel kam erst geraume Zeit nach
seinem Einbau in die Kette zum Einsatz, zu wichtig
erschien mir die zunächst getrennte Bewertung
und gehörmäßige Einordnung des
Lautsprecherkabels aus gleichem Hause, um
anschließend die jeweiligen Einflüsse
spezifisch zuordnen zu können.
Der erste Eindruck war beinahe metaphysisch, so sehr
kollidierte die Wahrnehmung mit der
Erwartungshaltung. Bäh, Teufelszeug, ekliges.
Schnell wieder das Kimber her und alles wird gut.
Wurde es aber nicht. Ich hatte Aron Neville und das
Stück "Luisiana" gewählt, von der gleichen
Scheibe noch Nevilles Version von Schuberts "Ave
Maria".
Zunächst sehr ungewohnt, weil in seinem
typischen Falsett gesungen, wunderbar begleitet von
Neville Mariners Academy und insgesamt ein echtes
Erlebnis. Dies auch klanglich wegen der plastischen
Abbildung des Orchesters und der Durchhörbarkeit
seiner Anordnung.
Das Ramses hob die Wiedergabe des
Klangkörpers in seiner organischen Wahrnehmung
auf eine mir bis dato völlig unbekannte Ebene.
Ich sage bewußt (noch) nicht Niveau, weil mir
diese Art der Wiedergabe beim ersten Mal
tatsächlich suspekt war. Die Verteilung der
Schallquellen im Raum sowie die Ausdehnung des
Klangraumes selbst ging so deutlich über das
Vertraute hinaus, dass ich anfangs an das von Roger
Waters erstmals auf "amused to death" eingesetzte
Qsound-Verfahren zur Verbreiterung der Stereobasis
erinnert wurde.
Es dauerte in der Tat eine Weile, bis ich mich diesem
"Effekt" vorurteilsfrei nähern konnte, um dann
festzustellen, dass es eben keiner war, sondern dass
die physischen Grenzen der Schallausbreitung
verschoben worden waren ohne die Akkuratesse der
Abbildung oder den inneren Zusammenhalt und Fluss des
Vortrages zu beeinträchtigen.
Der - überaus fähige - Toningenieur von
ECM, Jan Eric Haugskong (?), hält übrigens
Räumlichkeit bei Stereoaufnahmen für Voodoo
und zeichnet daher seine legendären Aufnahmen
von jeher mit einer Art Pingpong-Verfahren auf.
Hätte er allerdings vernommen, wie Nils Petr
Melvoar auf "Kmer" (i.ü. eine ECM-Aufnahme)
seine vielschichtigen Klangbilder zwischen
Avantgarde, Trance und Jazz mit Samples und Loops und
einem lyrischen Trompetenton a la Miles Davis
anreichert und wie sich das alles im Raum ausbreitet,
ihn füllt ohne zu zerfasern oder nach gedrehter
Phase zu klingen, er wäre wohl ins Grübeln
gekommen...
Wenn die Aufnahme dann nicht ganz so viel Raum
mitlieferte, sei er angereichert oder natürlich,
fiel auch die Konzentration auf die Kernkompetenzen
des Ramses etwas leichter, die ich im Ergebnis
für wichtiger halte, als die
zugegebenermaßen spektakuläre
Raumabbildung.
Deshalb von der eben beschriebenen Reinkarnation (so
zumindest manche Jazz-Auguren) zurück zum
Original: Miles Davis im März 1959 mit einigen
der erlesensten Solisten der Jazzgeschichte im
zeitlosen, hypnotischen Dialog auf einem damals neuen
Terrain, dem modalen Jazz.
Viele halten "Kind of Blue" für die
größte Jazz-Scheibe aller Zeiten und wenn
man sie im neuen Hochbit-Remastering von Columbia
hört, kann man das auch nachvollziehen.
Erst recht, wenn das Ramses die Kleinsignale
weitergab.
Nicht, dass eine andere Spitzenstrippe nicht
ebenfalls die innere Spannung transportierte, die dem
damaligen Aufbruch zu neuen Ufern innewohnte.
Auch die Intimität des Ensemblespiels und das
traumwandlerische Verständnis zwischen Adderley,
Coltrane und Davis werden durchaus vermittelt.
Der Unterschied zum Ramses lässt sich
vielleicht am ehesten in einem Vergleich fassen.
Es ist so, als würde man jemandem der fragt, was
jonglieren sei, mit Eloquenz und versierter Rhetorik
genau erklären, wie das funktioniert. Und dann
kommt da noch jemand, nimmt 3 Bälle und macht es
vor. In beiden Fällen wird der Fragende eine
Antwort erhalten, die alle notwendigen Informationen
liefert. Aber bei der zweiten Variante entfällt
die Eigenleistung der vorstellungsbedingten
Verknüpfung. Man sieht, statt zu vermuten.
Und so klingt das Ramses auch stets eine wenig
mehr wie etwas als nach etwas.
Daher wirken auch gerade die rhythmischen Pausen
zwischen den Einsätzen bei Davis und Kollegen
zwingender und offenbaren noch mehr vom Zusammenhang
zwischen Vorhandensein und Abwesenheit von Tönen
zur Entstehung von Spannungsbögen.
Im Einzelnen: erdig und mit Volumen, aber nie dick,
das Ramses kann im Bass schwingen, ohne
träge daher zu krauchen, aber auch
vermeintlichen Infraschall durchlassen, der die
konstruktionsbedingte Begrenzung des Horns im
Bassbereich als goldenen Mittelweg zwischen gemeinem
Groove und fettfreiem Fundament erscheinen
lässt.
Die Details der Tonhöhen werden auch dort noch
differenziert, wo sich andere Produkte unter dem
Deckmantel einer nicht überanalytischen
Abstimmung gerne verpieseln und die Feinheiten am
Frequenzende verschmieren, verlaufen lassen oder
schlicht verschweigen.
Es transportiert Emotionen ohne Ende, aber nicht wie
ein Angesoffener auf dem Kiez, der um 4 Uhr
morgens den Wodka-bedingten Weltschmerz
rauslässt, sondern wie jemand, der einfach den
richtigen Ton und die richtigen Worte trifft.
Ich habe es in den letzten Monaten tatsächlich
oft so empfunden und sattsam Bekanntem neue
Schattierungen eben nicht abgerungen, sondern
entlockt.
Immer wieder entsteht die Anmutung von Richtigkeit,
so muß es eben sein.
Wenn sich aus den vielen highendigen Parametern
unterm Strich ein solches Gesamtbild zusammensetzt
und dabei weder Spielfreude noch Musikalität
oder tonale Geschlossenheit der Musik auf der Strecke
bleiben, sondern sich vielmehr als einzig wirklich
bleibender Eindruck verfestigen, dann kann man sicher
sein, ein wirklich hervorragendes Produkt zu
hören.
Neben vielen anderen musikalisch nachhaltigen
Erlebnissen, von Donald Fagans "Nightfly" über
Terry Calliers "Timepiece" bis zu Salomon Burkes
neuem Meisterwerk "Don´t give up on me" oder
dem großartige John Kay (Ex-Steppenwolf) mit
diesem Hammerstück "Heretics and Privateers"
haben mich dann drei Damen noch mal so richtig
begeistert.
Alle gehören dem mehr oder weniger gleichen
musikalischen Lager an, dem sog. "New Country", also
der musikalischen Wachablösung, die sich in den
letzten 20 Jahren aus der Erneuerung des oft statisch
in Klischees verharrenden
Country & Western entwickelte.
Aus der Erweiterung der ursprünglich
traditionell bis reaktionär gefärbten
Themenpalette um politische und sozialkritische
Motive ergab sich auch eine Bereicherung der
musikalischen Sprache.
Die Singer/Songwriter-Einflüsse wurden
stärker, die Arrangements komplexer und
farbiger, und die Einflüsse anderer
"Volksmusiken" (man denke an das fantastische,
kubanisch geprägte "Havanna Midnight" von Bob
Neuwirth) im New Country bis hin zum Jazz waren
willkommen.
Die drei Protagonistinnen dieser Bewegung, die ich
hier meine, heißen Lucinda Williams, Alison
Krauss und Beth Nielsen Chapman.
Alle drei schreiben großartige Stücke,
haben ihre Stärke bei kehlezuschnürenden
Balladen, können heftig rocken, wenn es sein
muß und haben ihre Wurzeln dennoch unverkennbar
in Nashville. Auch altersmäßig und
stimmlich liegen sie nicht allzu weit auseinander und
so könnte man auf die Idee kommen zu fragen, was
die Damen denn so unterscheidet, dass man sie alle
drei mit ihren jeweils letzten Werken im Schrank
haben sollte.
Und genau da kommt es wieder ins Spiel, dieses mehr
wie als nach etwas klingen: wenn man bei der
digitalen Darstellung eines Bildes Auflösung und
Farbelemente erhöht, wird alles schärfer
und die Details treten deutlicher hervor.
Das kann die Gesamtwirkung des Bildes verändern
und eben nicht nur die Wahrnehmung von Einzelheiten.
Beth Nielsen Chapman ist der Ehemann im letzten Jahr
gestorben und sie selbst hat Krebs. Die Musik hilft
ihr, zu überleben ohne zu resignieren, und der
Intensität ihres Vortrages hört man das auf
"Deeper Still" jetzt noch eine Spur deutlicher an als
sonst. Alison Krauss geht's wohl rundum gut, die
Fröhlichkeit überwiegt im eingespielten
Material und Union Station (quasi die E-Street Band
von Nashville) rocks the house. Es sind einfach ganz
andere Gefühle, die auf "New Favorite" Motor der
Betätigung sind und dies ist auch bei den
grundsätzlich ebenfalls supersenti-mentalen
Balladen klar zu unterscheiden.
Lucinda Williams scheint auf "Essence" die beinahe
volle Spannbreite des Darstellbaren musikalisch
abzuschreiten, ohne dabei einen Substanzverlust zu
erleiden. Wenn sie im Titelstück das Warten der
Fixerin auf den nächsten Schuß beschreibt
oder in "Reason to cry" die Endgültigkeit einer
vergangenen Liebe betrauert ist das dermaßen
unaufgesetzt, dass es mitunter ein bisschen schmerzt.
Und so ist die Conclusio, dass die Durchverkabelung
mit Ramses mehr von dem im musikalischen
Gehalt stets mitschwingenden Gefühl offen legt.
Die irgendwo zwischen Klangfarbe und Raumabbildung,
Grundtonbereich und Mikrodynamik versteckte
Emotionalität eines Liedes, die viel mehr ist
als das Ergebnis einer Addition von Hifi-Parametern,
die zeigt mir diese Kombi heller und klarer, wenn sie
denn auf der Aufnahme eingefangen wurde.
Lebendigkeit ohne Eigenleben, Neutralität ohne
Enthaltsamkeit und Vielfalt ohne Durcheinander.
Mehr kann man nicht verlangen.
Bei Kabeln ist es ja so: was sie nicht durchlassen
kommt, nirgendwo weg und nirgendwo an, und was sie
verschweigen, ist für immer verloren.
Darum muß man ihnen viel Beachtung schenken und
sie als Komponente inter pares betrachten, nutzt ja
nix.
Wer das anders handhabt, kann seine
Rieseninvestitionen und den Rest des Setups in die
Tonne treten.
Und wer das Ohr und das Glück hatte, eine
feine, ausgewogene und weitgehend fehlerfrei
aufspielende Kette zusammenzustellen, der kann unter
Einsatz dieser Kabel, die so viel lebendiger aber so
viel weniger martialisch klingen als ihr Name
vermuten lässt, zu einem Ergebnis kommen, das
Staunen macht.
Ein gutes Kabel ist nicht alles, aber ohne ein gutes
Kabel ist Alles nichts.
Das hier ist in der Kombination (!) tatsächlich
das Beste, was ich je gehört habe.
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